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Lass mich, ich kann das alleine!

Aktualisiert: 5. Jan.

Warum alles allein schaffen zu wollen meine größte Stärke und zugleich meine größte Schwäche ist.

Dezember 2018. Ich bin im Begriff, mein Leben komplett zu verändern. Meinen letzten Tag in der Werbeagentur hab ich tränenreich aber auch erleichtert hinter mich gebracht. Meine Wohnung ist so gut wie aufgelöst: Die Möbel sind verkauft, Haushaltsgegenstände gespendet, ich schlafe noch zwei Nächte auf Decken auf dem Boden. Es sind nur noch fünf randvolle Umzugskartons, zwei Koffer und drei Rucksäcke voller Kleinkram übrig. Ich miete mir ein Auto und will damit von Frankfurt über Magdeburg nach Schwerin düsen, um meine Dinge unterzustellen. Das Zeug kann ich ja dann in Ruhe am Morgen der Wohnungsübergabe ins Auto bringen, aus dem zweiten Stock des Hinterhauses bis zur Nebenstraße, in der das Auto geparkt ist. Erst als ich am Abend vorher versuche, die Kartons schon mal in den Flur zu schleppen, fällt mir auf: Das wird so nichts.


Tatsächlich musste ich in diesem Moment lachen, weil es mir wirklich wie Schuppen von den Augen fiel: Ich hatte vorher nicht ein einziges Mal überlegt, jemanden um Hilfe zu bitten. Bei all den Dingen, all den Schritten, die nötig waren, um jetzt hier zu sein, kam mir nicht einmal die Idee, dass Unterstützung es mir leichter machen würde. Wow. Vielleicht lag es daran, dass ich in dem Jahr meine 3-monatige Reise allein gemacht hatte und mich jetzt wie Superwoman fühlte (war und bin ich tatsächlich auch ;-)). Aber der Glaubenssatz und Antreiber "Ich kann das allein." war nicht neu für mich.


Die zwei Seiten von "Ich mach das selbst."


Ich habe tatsächlich einen sehr starken Drang nach Unabhängigkeit und Freiheit. Ich liebe es, Dinge einfach anzupacken, nicht um Erlaubnis zu fragen, sondern erst einmal zu machen. Ich möchte mich weder lange erklären noch jemanden mitziehen müssen - ich brauche und möchte meine ganze Energie für mich und den (neuen) Plan. Und das finde ich ganz wundervoll. Ich liebe Abenteuer, ich will Neues entdecken und ich weiß, dass ich das kann. Und dass alles irgendwie funktioniert, wenn ich nur will.


Also stapfe ich pfeifend und stur allein los, Richtung Erleben. Und manchmal ist das genau das, was ich brauche. Und manchmal laufe und laufe ich gegen die immer gleiche Wand, gehe zig Umwege, probiere und mache bis ich total erschöpft und ausgebrannt bin. Und dann meldet sich die kleine Stimme aus meinem Unterbewusstsein und fragt zaghaft: "Vielleicht kann ja jemand helfen?"


Es ist toll, es allein zu versuchen. Aber weißt du, was auch toll ist? Es ganz bewusst nicht allein zu versuchen. Einen Teil des Abenteuers zusammen zu bestreiten. Sich gegenseitig zu bestärken und bereichern. Neues zu lernen, Abkürzungen zu nehmen, oder am anderen Ende des Raumes endlich die Tür zu sehen, anstatt weiter mit dem Kopf gegen die Wand zu hämmern.


Wenn ich keine Hilfe annehmen kann, fang ich irgendwann an, nicht mehr an mich zu glauben.


Eigentlich dachte ich immer, alles allein schaffen wäre eine absolute Superpower und nach Hilfe fragen würde bedeuten, es nicht zu können. Wer es nicht allein hinbekommt, ist schwach. Aber dieses Denken ist ein absoluter Teufelskreis: Ich bin nur stark, wenn ich es allein schaffe. Ich glaube daran, dass ich es allein kann. Wenn es nicht allein klappt, bin ich schwach. Und ich höre auf an mich zu glauben...


Das könnte ganz leicht in eine Positivspirale umgewandelt werden: Ich glaube an mich, ich versuche es. Ich komme nicht weiter, ich finde Unterstützung. Die Unterstützung macht es mir leicht, ich komme deutlich schneller voran, ich kann noch so viel mehr!


"Ich kriege das schon hin." - Kommt dir das bekannt vor?


Falls du bis hier hin gelesen hast, kennst du diese Herausforderung vielleicht. Falls du immer wieder Sätze sagst, wie:

  • Ich kann das allein.

  • Ich kümmere mich selbst drum.

  • Ach Quatsch, brauchst mir nicht helfen.

  • Lass das mal, ich mach das selbst.

  • Ich schaff das schon.

  • Kein Thema, das krieg ich hin.

  • Danke, ich melde mich, wenn ich was brauche (*meldet sich nie*)

  • ...

Lass dir zuerst einmal sagen: Daran ist gar nichts falsch. Nichts verwerflich. Du bist toll, so wie du bist und wie du das alles machst! Ehrlich. Wenn dich das allerdings auch immer öfter an deine Grenzen bringt, achte gut auf dich und hör in dich hinein. Warum möchtest du es allein machen? Was bringt dir das - und was würdest du Positives bekommen, wenn du Unterstützung hättest?


Vielleicht hast du Lust und hinterfragst diese Sätze, innerlich oder laut, sobald sie auftauchen...

  • Ich kann das allein. Aber ich muss nicht.

  • Ich kümmere mich selbst drum. Aber das nächste Mal geb ich es einfach mal ab und schaue, was passiert.

  • Ach Quatsch, brauchst mir nicht helfen. Du kannst aber, wenn du magst.

  • Lass das mal, ich mach das selbst. Kann ich dir zeigen, wie ich es möchte, und gebe mal die Kontrolle ab?

  • Ich schaff das schon. Möchte ich das "schaffen" oder darf es auch leicht sein?

  • Kein Thema, das krieg ich hin. Wie viel Energie hätte ich für andere Sachen,wenn ich das abgebe?

  • Danke, ich melde mich, wenn ich was brauche (*meldet sich nie*) *Meldet sich wirklich*



Wir Menschen wollen gebraucht werden.


Ich wollte nie jemandem zur Last fallen. Andere sollten bloß keinen Aufwand für mich betreiben, sich bloß nicht extra für mich anstrengen. Ich hingegen wollte immer gern helfen, war immer da, wenn mich jemand brauchte (lange auch über meine eigenen Grenzen hinweg, aber das ist eine andere Geschichte). Ich mag es immer noch sehr, zu helfen, zu unterstützen, für andere da zu sein. Ich mag es sehr, andere dadurch aufblühen zu sehen und gemeinsam etwas zu wuppen. Es gibt mir ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden. Ich habe demnach selbst etwas davon, wenn ich helfe. Das heißt also im Umkehrschluss wahrscheinlich auch, dass ich den Menschen in meiner Umgebung ein gutes Gefühl geben kann, wenn sie mich unterstützen. Dass ich vielleicht gar keine Last bin, niemals eine Last war, sondern andere fast nur darauf warten, mir etwas Gutes zu tun. Dass wir uns mit jedem "Kannst du mir helfen?" also gegenseitig gut tun. Wahrscheinlich geht es den Menschen in deiner Nähe ähnlich.


Eigentlich sind wir doch alle füreinander hier. Lass uns öfter mal helfen und vor allem helfen lassen. Du kannst es allein, ganz sicher sogar. Aber du musst nicht. Du darfst es dir leicht machen. <3




PS: Bei meinem damaligen Umzugskistendilemma half mir spontan ein ehemaliger Kollege, der damals in der Nachbarschaft wohnte, und ENTSCHULDIGTE sich auch noch, dass er nur kurz Zeit hätte. Danke noch mal, Moritz! :) Wahrscheinlich weißt du gar nicht, wie wichtig diese Erfahrung für mich war.

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